9. Entführt
Morgana war unzufrieden mit dem Ausgang der “Unterhaltung” mit Elle. Es war nicht so gelaufen, wie sie es sich erhofft hatte - Die Hüterin der Elemente war stärker als sie gedacht hatte… In ihr kochte die Wut hoch; am Liebsten wäre sie erneut hinunter in die Kerker gestiegen und hätte sich erneut mit ihr “beschäftigt”, aber sie wusste, dass es auch dieses Mal nichts bringen würde. Wütend stieß sie einen Becher Wein vom Tisch; der Inhalt ergoss sich über den Boden und wurde sofort von einem buckligen kleinen Irrwisch, ihrem einzigen Diener, fortgewischt. Nachdem er seinen Dienst erledigt hatte, verschwand er wieder. Das kleine Wesen war praktisch; Morgana konnte sich auf seinen Gehorsam verlassen - er wusste, was ihm blühte, wenn er sich nicht an seine Aufgaben hielt - zudem hatte er keine Zunge. So hatte sie vor einiger Zeit dafür gesorgt, dass er niemandem etwas verraten konnte, sollte er einmal auf die Idee kommen, fortzulaufen. Morgana wollte immer auf Nummer sicher gehen.
Während der Irrwisch also seine Arbeit erledigte, lehnte sich Morgana an die Wand. Eigentlich wollte sie darüber nachdenken, was sie noch tun konnte, um den Willen dieser Elle endlich zu brechen, doch dann schossen plötzlich und unerwartet Bilder in ihren Kopf. Sie sah - Camelot! Das Schloss ihrer Feinde! Und in ihm sah sie in Gaius´ Stube - sie erkannte sie sofort wieder - eines der Mädchen, von denen sie dachte, dass sie tot war! Sie lebte! Morgana wurde blass. Sie sah, dass diese sich mit einem anderen, anscheinend um einige Jahre älteren, Mädchen unterhielt. Die beiden verstanden sich blendend. Morganas Hände ballten sich zu Fäusten und ihre Fingernägel bohrten sich in ihr Fleisch. Sie spürte den Schmerz nicht einmal. Nun wusste sie, was sie tun musste. Dieses Mädchen lebt also noch! Ihr war zwar völlig unklar, wie das passieren konnte, aber das war nun unwichtig. Sie musste diese Kröte finden und hierher schaffen! So hatte sie ein Druckmittel gegen Elle! Wenn sie ihr ihren Schützling präsentierte, würde diese nicht anders können, als ihr endlich alles zu sagen und zu zeigen, was sie brauchte. Und sie hätte endlich die gesamten Mächte der Elemente auf ihrer Seite. Wenn dies geschah, wäre sie unbesiegbar. Auch für Merlin! Sie lachte. Ihr grausames Lachen klang gefährlich und manisch und hallte durch die Gänge ihres Schlosses…
Einige Zeit später machte sich Morgana auf den Weg nach Camelot. Sie kannte die Gefahr, die damit verbunden war, doch sie musste es auf sich nehmen, wenn sie ihren Plan durchsetzen wollte. Zudem wusste sie sich gut zu tarnen und kannte auch Wege, die niemand sonst betrat, so dass sie unbemerkt auf das Schloss zulief. Sie wusste, dass sie vorsichtig sein musste, ihr durfte auf keinen Fall jemand von dort begegnen; erst, wenn es zu spät war und sie niemand mehr aufhalten konnte. Auch Arthur Pendragon nicht. Oder Merlin. Morgana verzog das Gesicht, als sie sich an die beiden erinnerte. Ihr “Bruder”, wie sie angewidert dachte und in Gedanken ausspie; und dieser Bastard von Zauberer. Was hätten die beiden nur für Camelot, mit ihrer Hilfe!, tun können! Statt dessen hatten sie sich gegen sie gestellt! Ihr eigener Bruder hatte sie eingesperrt! Wie eine Verbrecherin behandelt! Nein, die beiden mussten vernichtet werden. Auch das würde sie erledigen, sobald sie ihr Ziel erreicht hatte.
Dann war sie angekommen. Niemand hatte sie gesehen. Plötzlich erschien das Schloss vor ihr. Es war schöner denn je, und ein Stich fuhr ihr ins Herz, als sie es nach so langer Zeit wieder sah. Sie wollte es sich nicht eingestehen, doch sie hatte es vermisst. Hier war ihre Heimat gewesen… Doch dann riss sie sich wieder zusammen. Es WAR ihre Heimat gewesen. Nun nicht mehr - schon lange nicht mehr. Und das war nur Arthurs Schuld! Und die dieses Bastards von Zauberer. Sie ließ ein Geräusch ertönen das an Zähneknirschen erinnerte. Nun ging es darum, sich unbemerkt ins Schloss zu schleichen. Sie konnte die Wachen vor dem Toren sehen. Von dort wäre es nicht möglich, ohne Aufsehen zu erregen.. Plötzlich erinnerte sie sich an den Geheimgang, der durch die Kerker führte und den sie schon einmal genommen hatte, als sie flüchten musste, nachdem sie den Drachen befreit hatte. Wenn sie Glück hatte, war niemand in den Kerkern gefangen und es würde einfach für sie werden, diesen Gang dafür zu nutzen, sich in das Schloss hinein zu schleichen. Und genau dies tat sie nun. Es war tatsächlich einfach; der Gang war noch da, doch niemand bewachte ihn. Auch der Weg zu diesem Gang wurde nicht bewacht. `Wie leichtsinnig´, dachte Morgana nur verächtlich. Doch sie hatte nichts anderes erwartet… Wahrscheinlich sonnte sich Arthur Pendragon in seiner Rolle als König und Merlin saß an seiner Seite und schleimte sich ein, wie er es immer getan hatte… Nun ja, das friedliche Beieinander würde sich gleich ändern.. Eigentlich hatte Morgana das ja so nicht geplant. Sie hatte ja nicht einmal geahnt, dass es Hoffnung für sie geben würde; und sie hoffte, dass ihre Kräfte stark genug wären, auch gegen Arthur und Merlin anzukämpfen. Das war der Grund, weshalb sie sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte. Sie wollte auf den geeigneten Moment warten. Doch nun war dieser Moment gekommen. Wenn es sein musste, musste sie kämpfen. Im Schlimmsten Fall eben auch gegen die beiden! Dennoch bekam Morgana etwas Herzklopfen, als sie an Merlin dachte. Noch hatte sie die Gabe nicht, wegen der sie hier war… Es wäre definitiv das Beste, wenn sie unbemerkt an das Mädchen heran kommen und dann mit ihr wieder verschwinden würde! Dann würde sie wieder kommen - gestärkt mit neuer Kraft! Und unbesiegbar - auch für Merlin!
Langsam schlich sie sich durch die Gänge bis hin zum Kerker. Wie sie es sich gedacht hatte, war er leer. Seit Arthur König war, hatte es keine Gefangennahmen und Hinrichtungen mehr gegeben, und es hätte sie gewundert, wenn hier ausgerechnet jetzt jemand gefangen wäre. Sie lief weiter. Nun kam sie an die Treppen, die zum Schloss hinauf führten. Ab hier musste sie noch vorsichtiger sein. Sie konnte ihre Spuren verwischen, so leise wie möglich laufen; aber sich unsichtbar machen, das konnte sie nicht. `Leider´, dachte sie nur und schlich sich die Treppe hinauf. Als sie oben angelangt war, drückte sie sich an die Wand und horchte erst einmal, ob sie etwas hören konnte. Es war niemand zu hören. Langsam trat sie in den Raum ein, der in das Schloss führte. Er war leer. Morgana war relativ erleichtert. Nun war ihre nächste Überlegung, wohin sie als nächstes gehen sollte. In ihrer Vision war das Mädchen in Gaius´ Stube gewesen.. Nun würde es etwas schwieriger werden, ihr weiteres Vorhaben in die Tat umzusetzen. Gaius´ Stube war weiter im Inneren des Schlosses, dort waren garantiert Wachen und Diener, denen sie dann wohl oder übel über den Weg laufen würde und ausschalten musste; was dann Arthur und Arthurs Ritter auf den Plan rufen würden… Doch was blieb ihr anderes übrig? Sie hatte es sich so ausgesucht, und es musste sein! Also änderte Morgana ihre Vorgehensweise. Sie lief so zügig es ging in Richtung des Ganges, in dem ihr ahnungsloses Opfer lag und darauf wartete, von ihr mitgenommen zu werden. Das widerrum dürfte kein Problem sein. Damit würde sie schon fertig werden..
Morgana lief los. Sie war bereits in dem Gang, der zu Gaius´ Stube führte, als sie doch noch eine der Wachen bemerkte, die genau auf sie zukam. Sie hörte seinen erstaunten Ausruf, als er die fremde Gestalt erkannte, die sich unrechtmäßig Zugang zum Schloss verschafft hatte. Sie konnte seine Gedanken regelrecht “hören”; `tja, vermutlich denkst du gerade, wie ich hier hereingekommen bin´, lachte sie gehässig, doch bevor die Wache etwas tun konnte, hatte sie ihre Hand gehoben und der Wachhabende flog mit voller Wucht gegen die Wand. Über ihm hing ein Wandgemälde, und Morgana ließ dieses zur Sicherheit auf ihn fallen. Er bewegte sich nicht mehr. Morgana stürzte weiter nach vorne. Nun würde es nicht mehr lange dauern, und die anderen würden auf ihre Spur kommen, einschließlich der Ritter. Jetzt musste sie sich tatsächlich beeilen. Vermutlich war schon ein anderer auf dem Weg zu Arthur… Morgana rannte auf Gaius´ Stube zu. Sie riss die Tür auf, und stand schließlich in dem Zimmer. Gaius war nicht anwesend - ´vermutlich beim König´ - dachte Morgana. Doch sie sah in 2 völlig verschreckte Augenpaare..
Die beiden Mädchen saßen nebeneinander auf Gaius´ Bett und unterhielten sich angeregt, als Morgana hineinstürmte. Beide rissen die Augen auf, als sie die fremde Person sahen, die plötzlich im Zimmer stand. Jade erkannte sie sofort. Es war die Frau, die sie angegriffen, ihre Freunde getötet und Elle in ihre Gewalt gebracht hatte. Diese Frau stand nun in ihrem Zimmer?!? Sie sprang vom Bett und presste sich an die Wand. Auch Leeana starrte die fremde Frau an. Sie kannte Morgana nicht persönlich, dennoch spürte sie die dunkle Aura um sie. Und sie ahnte, um wen es sich handelte. Langsam stand sie auf und stellte sich schützend vor Jade. “Was wollt Ihr hier?” fragte sie mit trockener Stimme. Ihr Herz schlug bis zum Hals, doch sie versuchte, ihre aufkommende Panik zu unterdrücken. Warum kam keiner der Wachen? Weshalb keiner der Ritter? Hatte Morgana sie etwas alle?.. Sie wagte gar nicht, daran zu denken. Morgana sah sie an. Sie konnte kaum fassen, was sie sah. Hatte dieses Mädchen tatsächlich so einen Mut? Sich gegen sie zu stellen und ernsthaft zu versuchen, das andere Mädchen zu beschützen, zeugte entweder von großer Dummheit oder von extremen Mut.. Aber egal was es war, es würde ihr noch leid tun. Morgana wollte gerade einen Zauberspruch aufsagen, der dem anderen Mädchen das Leben aus dem Leib saugen sollte, als ihr ein besserer Plan in den Sinn kam. Wieso nicht beide Kinder mitnehmen? Wer auch immer dieses Mädchen war, die sich da schützend vor das andere stellte, sie hatte garantiert eine Bedeutung für Merlin und Arthur, sonst wäre sie nicht im Schloss! Auch, wenn Morgana Leeana nicht kannte, konnte sie doch erkennen, dass eine gewisse magische Aura an ihr haftete. Vielleicht könnte auch sie ihr noch nützlich sein? Sie hatte ihre Entscheidung getroffen..
Langsam hob sie die Arme und sowohl Leeana als auch Jade hatten das Gefühl, dass die Luft aus ihre Lungen gepresst wurden. Sie begannen zu keuchen. Beide hatten zwar gerade noch so viel Luft, dass sie atmen konnten, aber sie hatten keine Kraft mehr, sich zu wehren, als Morgana zu ihnen trat, um sie sich zu schnappen. Sie trat in die Mitte, zwischen beide, und fasste sie um die Arme. Leeana wollte schreien, aber es kam kein Ton über ihre Lippen. Morgana murmelte einen Zauberspruch, der als Auswirkung hatte, dass beide ihr völlig willenlos folgten. Sie konnten sich nicht wehren, als ihre Beine scheinbar von alleine begannen, sich mit Morgana zusammen in Bewegung zu setzen…
Sie traten aus dem Zimmer heraus - und in diesem Moment war Morganas Glück vorbei. Kurz zuvor war der an der Wand lehnende und von dem Gemälde erschlagene Wachposten von einem anderen gefunden worden, und er hatte Alarm geschlagen. Die Ritter kamen herbei. Allen voran Sir Gwain. Er blieb geschockt stehen, als er die Frau sah, die zwischen den beiden Mädchen stand. Das konnte nicht sein! Und doch… Bevor er etwas sagen konnte, hatte Morgana erneut einen Zauberspruch gerufen, und Schwerter flogen von den Wänden. Sir Gwain und die anderen Ritter, die dazu geeilt waren, hatten alle Hände voll damit zu tun, sich gegen die herab fallenden und auf sie zueilenden Schwerter zu kümmern, um nicht von ihnen aufgespießt und erschlagen zu werden.
Während diese sich noch gegen fliegende Schwerter wehrten, zerrte Morgana die Mädchen weiter mit sich. Sie war schon beinahe aus dem Schloss heraus, als sie Schritte hinter sich hörte. Sir Gwain war es gelungen, sich die Schwerter vom Leib zu halten und hetzte hinter ihnen her. Morgana musste handeln. Sie ließ die Mädchen fallen - diese fielen wie Steine auf den Boden und blieben bewegungslos liegen, doch sie bekamen noch alles mit - und mit einer Handbewegung flog auch Sir Gwain gegen die Wand. Er rührte sich nicht mehr…
Zufrieden mit sich zog sie grob die Mädchen am Arm und diese setzten sich erneut mit ihr in Bewegung. Sie hatten keine Chance. Ihr eigener Wille war ausgeschaltet.
Morgana kam bis zum Ausgang und dann einige Schritte weiter - als plötzlich Sir Leon vor ihr auftauchte. “Lasst die Mädchen los!” zischte er. Sein Atem ging stoßweise. Morgana konnte seine Verachtung spüren, aber auch seine Angst. Ja, er hatte Angst, auch wenn er es gut zu verbergen wusste. Morgana lachte nur. Sie hatte mit einer einzigen Handbewegung sämtliche Wachen und Ritter ausgeschaltet, das würde nun mit Sir Leon auch nicht anders sein…
Erneut gab sie einen Zauberspruch von sich und Sir Leon wurde in die Bäume geschleudert. Dann krachte ein großer Ast von oben auf ihn herab. Leeana stockte der Atem. Sie konnte ein Krachen hören und einen Schrei. Er war doch nicht… Ungerührt zog Morgana erneut an den Armen der Mädchen und dann lief sie los. Ungestört, denn die meisten Ritter waren noch immer mit den fliegenden Schwertern beschäftigt und Sir Gwain und Sir Leon würden ihr nicht mehr gefährlich werden. Doch während sie sich immer weiter von dem Schloss entfernte, die Mädchen im Schlepptau, fragte sie sich, warum ihr Arthur nicht entgegen getreten war.. Hatte er es nicht mitbekommen, dass seine Ritter kämpften? Das war - gelinde gesagt - recht ungewöhnlich… Doch sie hatte jetzt erst einmal keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Sie musste nun so schnell wie möglich mit ihren Gefangenen zurück zu ihrem Schloss…
Während Sir Leon und Sir Gwain ausgeschaltet waren und die anderen Ritter sich mehr oder weniger erfolgreich gegen die fliegenden Schwerter zur Wehr setzten, war Gaius zurück gekehrt. Er hatte Zutaten für einen neuen Heiltrank gesammelt und wollte nun zurück in seine Stube zu den beiden Mädchen, als er wie vom Donner gerührt stehen blieb. Was er sah, schnürte ihm die Kehle zu. Am Anfang des Ganges lag eine der Wachen - und auf ihm lag ein Gemälde! Gaius lief sofort zu ihm um zu sehen, ob er noch etwas für ihn tun konnte; doch als er seinen Puls fühlen wollte, merkte er, dass er tot war! Geschockt lief er weiter. Als nächstes sah er verzweifelte Ritter, die gegen fliegende Schwerter kämpfen?? Gaius war vollkommen verwirrt. Was war hier geschehen, um Himmels Willen. Und was ihn dann völlig aus der Bahn warf, war der Anblick von Sir Gwain, der ebenfalls ohnmächtig vor seiner Tür lag.
Gaius rannte zu ihm und stand zitternd vor ihm. Zunächst überprüfte er zögernd dessen Zustand und stellt erleichtert fest, dass noch alle Vitalfunktionen erhalten waren. Er lebte! Trotzdem musste er sich um ihn kümmern, doch zuerst wollte er wissen, dass mit den Mädchen alles in Ordnung war!
Er stürzte er in sein Zimmer. Die Mädchen! Sie waren fort! Er brauchte nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, dass jemand sie entführt hatte. Aber wer? Und wieso?? Völlig verzweifelt rannte Gaius - so schnell ihn seine alten Füße noch trugen - hinaus und er nahm sich vor, so bald wie möglich zurück zu kommen um sich dann Sir Gwain zu widmen; doch nun musste er sehen, ob er noch jemanden sehen konnte, der für die Entführung der Mädchen in Frage kam. Er konnte niemanden erkennen. Doch stattdessen stolperte er beinahe über Sir Leon, der zu Gaius´ maßlosem Erschrecken vor einem Baum saß und dem ein dicker Ast auf seinen Körper gefallen war. Gaius blieb stehen. Das sah nicht gut aus! Langsam ging er zu ihm und versuchte, den großen und schweren Ast von ihm herunter zu bekommen. Alleine würde es ihm nicht gelingen; aber er sah, dass er sich beeilen musste; Leon blutete aus vielen Wunden, und seine Atmung war langsam. Er hatte nicht mehr viel Zeit. Die Suche nach den Mädchen musste er zurück stellen; die Versorgung des Ritters war wichtiger…

